Es gibt noch einen weiteren Grund, warum wir es etwas eiliger haben, nach Delaware in die tiefe 100 km weit ins Land gehende Bucht zu kommen. Seit über einer Woche wird vor dem Hurrikan Erin gewarnt, der sich von einem kleinen Tropensturm im östlichen Atlantik zu einem Monstrum der Kategorie 3 gewandelt hat. Es ist der bislang stärkste dieses Jahr, und es scheint so, dass die meisten Inseln in der Karibik und auch die US-Ostküste noch mal mit einem blauen Auge davon kommen. Die meisten Wettermodelle prognostizieren, dass er am Donnerstag die Küste nur streift und dann wieder nach Osten abdreht. Trotzdem wird es bis ins Landesinnere kräftige Böen geben, und da sind wir lieber ein Stück entfernt (siehe Pfeil im Titelbild).

Wir müssen erst mal wieder in den Reisemodus hineinkommen und freuen uns sehr, endlich mal wieder die 100 sm hinunter nach Cape May an der Ecke zur Delaware Bay zu segeln. Das klappt anfangs auch ganz gut, und wir machen bis weit in die Nacht hinein gute Fahrt. Irgendwann wird es dann zu wenig Wind, und wegen dem Seegang fangen die Segel an zu schlagen. Also muss wieder der Jockel für die nächsten gut 5h ran. Das ist hier an der Ostküste Standard. Der Wind ist nie länger als einen halben Tag konstant, dann dreht er entweder auf, wechselt die Richtung oder schläft ein. Am Ende können wir die Segel noch mal für ein paar Stunden rausholen und kommen gegen Mittag in Cape May an. Der Ankerplatz ist hier recht schmal, aber wir haben Glück und bekommen den besten Platz direkt vor der Küstenwache. Wir haben übrigens die 10.000 Seemeilen vollgemacht. Wer hätte das letztes Jahr noch gedacht.

Obwohl wir von der Nacht etwas müde sind, haben wir Hummeln in den Beinen, fahren mit dem Beiboot an Land und machen im Hafen fest. Das Zentrum von Cape May ist wirklich schön. Es ist Samstag Nachmittag, und unglaublich viele Familien sind in der Stadt, und überall herrscht Trubel. Die Stadt besteht um das Zentrum herum aus einer Vielzahl beeindruckender Villen aus dem 19. Jahrhundert im viktorianischen Stil. Umgeben wird der ganze Ort von den Stränden, die um das Kap herumführen. Fast wie an der Nordsee mit den gestreiften Strandkörben und Zelten.

Eigentlich wollten wir noch einen Tag länger bleiben, aber morgen verspricht ziemlich stürmisch zu werden. Also machen wir spontan nach dem Frühstück los und fahren schon einen Tag früher in die Delaware Bucht hinein. Das Ziel ist der Chesapeake and Delaware Canal, der allerdings über 50 sm entfernt ist. Das ist heute für uns nicht mehr im Hellen zu erreichen und so fahren wir bis zu einer Ankerbucht auf zwei Dritteln des Weges und kommen noch rechtzeitig vor dem allabendlichen Gewitter dort an. Es geht erst am nächsten Nachmittag weiter, weil wir sonst gegen die Strömung fahren müssten. Das Stück ist nur kurz und 17 sm lang. Wir machen hinter einer kleinen Insel im Delaware River unterhalb des Kanals fest. Durch den Kanal fahren wir dann morgen früh erst durch.

Das Ziel ist heute der Ort Chesapeak City, der einen sehr geschützten kleinen Hafen vor dem Ort hat. Wir erreichen ihn nach wenigen Stunden gemütlicher Motorfahrt mit dem Strom. Dort wollen wir dem Hurrikan trotzen und hoffen, dass die Ausläufer gut von den umliegenden Hügeln abgefangen werden. Komischerweise sind wir die ganze Zeit das einzige durchfahrende Segelboot hier, dabei finden wir den Ort wirklich ideal und es ist super ruhig hier.

Dem Ort die Bezeichnung City zu geben, ist verwegen, da gerade mal 700 Leute hier wohnen. Es ist aber schön hier, es gibt einen netten Hafenbiergarten, ein paar Boutiquen, einen Eisladen und viele alte Holzhäuser. Wir finden ein kleines Museum, wo die Geschichte des Kanals gezeigt wird und wie damals die Schleusen (die es heute nicht mehr gibt) befüllt wurden. Man kann schöne Spaziergänge am Fluss unternehmen und es gibt sogar den Superdiscounter Dollar General. Quasi eine Mischung aus Netto und Action.

Die Geschichte von unserer Begegnung mit Erin ist schnell erzählt, sie fand nicht wirklich statt. Wir sind wegen der vorhergesagten Böen von bis zu 7 Beaufort extra den ganzen Tag an Bord geblieben. Und was dann an Wind kam, war wirklich nicht viel. So konnten wir uns den ganzen Tag mit kleineren Reparaturen und Verschönerungen die Zeit vertreiben. Morgen geht es weiter die Chesapeake Bay runter Richtung Baltimore.

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