
The Charm City
Wir sind sehr gespannt, was uns an unserem nächsten Ziel erwartet. Gilt doch Baltimore als eine der interessantesten Städte der Ostküste. Wir schaffen es mangels Wind nicht, die 46 sm bis dorthin zu segeln, und legen einen Stopp in einer wunderschönen Ankerbucht auf der anderen Seite der Chesapeake Bay ein. Am nächsten Tag ist dann der Wind gut, und wir können fast bis in die Stadt hinein segeln. Dort gibt es einen erstklassigen Ankerplatz in der Nähe eines Beibootsteges, von wo man schnell im Zentrum ist. Bei der Einfahrt kommen wir an einer Brücke vorbei, die letztes Jahr von einem Frachter gerammt wurde und komplett einstürzte.


Baltimore ist sehr vielseitig, sagt man. Zum einen gibt es wunderschöne Ecken und Viertel mit netten Häusern, Kunst, Kultur und gemütlichen Cafés. Zum anderen ist Baltimore allerdings in Sachen Kriminalität in den Top-10 der USA. Es gibt Viertel, wo man sich als Tourist nicht aufhalten sollte. Wir bekamen von unserem Freund Willi den Tipp von einer alten, sehr erfolgreichen Serie „The Wire“, die diese Thematik in der Stadt sehr realistisch darstellt. Wir nehmen uns etwas mehr Zeit und wollen in den nächsten 5 Tagen Baltimore ausgiebig erkunden. Der Name Charm City kommt übrigens aus einem Marketing-Gag aus den 70er Jahren, in denen die Stadt versucht hat, ihr Image zu verbessern und mehr Touristen anzulocken. Es wurde daraufhin vor allem von der Bevölkerung angenommen (und weniger von auswärtigen Besuchern), die den Charm in diversen Bezeichnungen ihrer Läden zum Beispiel aufgenommen haben. Ein Eisladen heißt statt Creamery halt Charmery.
Wir starten den ersten Tag und gehen in das nahegelegene Viertel Fells Point. Hier kann man wirklich nicht von einer armen Stadt sprechen. Viele neue Appartments, und auch das Drumherum ist vom Feinsten. Die Stege der Hafenpromenade sind neu, und es gibt nette Cafés und Boutiquen. Weiter Richtung Innenstadt werden die Häuser wieder älter, sind aber alle mit den typischen roten Backsteinfassaden im guten Zustand, und es macht Spaß hier lang zu schlendern. Richtung Innenstadt und innerem Hafen wird es wieder mondäner, und man sieht, wo die Stadt das Geld reinsteckt. Hier gibt es ein riesiges Aquarium, Konzerthallen und Parks. Es kommt einem gefühlt alle 10 Sekunden ein Jogger entgegen.








Wir gehen am Nachmittag in das außergewöhnliche Museum of American Visionary Arts. Dort hängt teilweise sehr spektakuläre und lustige Kunst, wie riesige verrückte Figuren oder verzierte Autos. Es gibt aber auch die sehr nachdenkliche und bedrückende Kunst einer Holocaust-Überlebenden, die ihre Geschichte während der Nazizeit in Form von gestickten Bildern verarbeitet hat.








Zwischendurch legen wir auch mal wieder einen Wäschetag ein und kümmern uns um das ein oder andere technische Bordproblem. So zeigte sich bei der letzten Inspektion des Vorfilters für den Diesel, dass dort relativ viel Wasser abgeschieden wurde, was auf Wasser im Tank hinweist (wo auch immer das herkommt). Da Wasser schwerer als Diesel ist, kann man es im großen Tank relativ leicht absaugen. Es zeigt sich aber, dass beim Abpumpen vom Boden kein sichtbares Wasser mit raufkommt, scheint also doch nicht zu viel zu sein. Und dann entsteht beim Ablegen mit dem Beiboot vom Steg ein anderes Problem. Es ist Niedrigwasser, und der Propeller des Beibootes schlägt gegen einen Stein, und ein Flügel bricht ab. Das ist jetzt mal echt schlecht, mit nur einem Flügel gibt es kaum Vortrieb, und der ganze Motor schlägt und vibriert. Nach einigem Rumtelefonieren haben wir Glück, in Annapolis, wo wir in einer Woche sein wollen, gibt es einen Laden, der den Propeller tatsächlich vorrätig hat. Sie versprechen den für uns zurückzulegen, und bis dahin müssen wir halt rudern.



Die nächsten Tage verbringen wir dann wieder touristischer Natur. Wir fahren ins Viertel Hampdon, wo es viele kleine Boutiquen und Antiquitätenläden gibt. Dann verbringen wir einen Tag in Mount Vernon, einem Viertel, das sich um ein riesiges Washington Memorial herum aufgebaut hat. Dort besuchen wir die George Peabody Library. Das ist eine völlig beeindruckende Bibliothek aus dem Jahre 1878. Direkt auf der anderen Straßenseite ist das Walters Arts Museum. Es ist kostenlos und beinhaltet eine unglaubliche Anzahl an alten Bildern und sehr alten Artefakten. Die Räume sind alle nach Themengebieten wie das alte Ägypten, das alte Griechenland, Amerikanische Geschichte, Europäische Geschichte usw. aufgeteilt. Wir sind irgendwann so überfrachtet, dass wir richtig erschöpft sind. Auf einer längeren Busfahrt kommen wir auch mal durch die Viertel, in die es die Besucher weniger hinzieht. Und man muss schon sagen, da wird sich von Seiten der Stadt anscheinend nicht sehr drum gekümmert, im Gegensatz zu den Hafenvierteln.






Morgen geht es weiter, wieder auf die andere Seite der Bucht, wo wir dem Großstadtrummel entfliehen können. Dort gibt es ein kleines Örtchen mit dem tollen Namen „Rock Hall“. Wir werden berichten, ob es seinem Namen alle Ehre macht.