Der Weg über die Bay nach Rock Hall ist nicht so weit, und der Wind soll auch erst mittags einsetzen. Also haben wir Zeit und können noch am Steg nebenan die Wassertanks in Ruhe füllen. Die Ausfahrt aus der langen Bucht von Baltimore zieht sich hin, aber dann können wir die Segel setzen und fast bis in die lange, aber enge Bucht vor Rock Hall segeln. Die Bucht ist mit unserem Tiefgang nur in der Mitte befahrbar, und wir müssen echt aufpassen, dass wir im flachen Wasser nicht aufsetzen. Am Ende haben wir noch einen knappen Meter unter dem Kiel. Die Chesapeake Bay hat ganz schön viel mit unserem Hausmeer, dem Ijsselmeer, gemeinsam. Es ist insgesamt recht flach, die Wellen sind nicht hoch, aber zackig kurz, und es gibt viele kleine, nette Häfen und Marinas. Da wir immer noch keine Propeller für unseren Außenborder haben, müssen wir schauen, dass wir nicht zu weit vom Anlegesteg entfernt ankern. Wir müssen noch ein Stück laufen, bis wir in den Ort kommen, und sind gespannt, was es mit dem interessanten Namen auf sich hat. Nun, wirklich rausgefunden haben wir es nicht, es gibt aber eine Rockkneipe und ein Rockkaffee. Ansonsten einer der vielen typischen, hübschen Orte, die wir bisher gesehen haben, mit den üblichen Boutiquen und dem Eisladen, der natürlich nicht fehlen darf. Wir bleiben zwei Tage und lernen auch die Umgebung und ein paar etwas weitergelegene Häfen kennen. Ein gutes Angebot ist ein kostenloser Shuttlebus, der stündlich die meisten der Häfen in der Gegend abfährt. Wir haben ihn mehrmals genutzt und konnten so einiges sehen.

Weiter geht es nach Annapolis, wieder zurück auf die Westseite der Bay. Auch die Strecke ist in 4 h zu erledigen, und der Trip ist super. Wenn man sich den perfekten Wind aussuchen könnte – ich würde ihn so wählen, wie wir ihn heute hatten. 12 kn mit wenig Böen genau von der Seite und wenig Welle, das nennt man Kaffeesegeln. Die Ankerplätze hier sind nicht so schön wie in Baltimore. Es gibt zwei enge Buchten, die aber rundherum Marinas haben und in der Mitte viele Bojen. Da bleibt nicht mehr viel Platz. Also ankern wir, wie einige andere auch, draußen vor der Bucht, und dort ist es je nach Windrichtung ganz schön schwubbelig. Aber auch hier ist die Fahrt zum Anlegesteg kurz, und wir können das Stück rudern.

Annapolis ist eher eine Kleinstadt mit gerade mal 40.000 Einwohnern, hat aber eine Menge Geschichte zu erzählen. Dann war Annapolis für eine kurze Zeit inoffizielle Hauptstadt der USA, und hier wurde im Maryland State House 1783 der Friedensvertrag nach dem Unabhängigkeitskrieg unterzeichnet. Auch bekannt ist sie durch den Roman Roots von Alex Haley. Er erzählt die Geschichte des verschleppten Kunta Kinte, der in Annapolis auf dem Sklavenmarkt landete. Am Hafen ist eine Statue von Haley, der Kindern eine Geschichte erzählt (Titelbild). Dann gibt es hier die Naval Akademie, eine große Universität des Militärs, wo die Marinesoldaten von morgen mit allem Drill, der dafür nötig ist, ausgebildet werden. Wir ankerten direkt unterhalb der Akademie und konnten es jeden Morgen live erleben. Um 7:55 kommt eine Trompetenjingle zum Antreten, und um Punkt 08:00 Uhr hatten wir dann das große Vergnügen, von einem Orchester aus dem Bett geholt zu werden, welches die Nationalhymne zum Besten gibt.

So, die Stadt muss erstmal warten, wir brauchen einen neuen Propeller für den Außenborder. Der Laden, wo wir ihn bestellt haben, liegt knapp 4 km entfernt, aber wir sind ja gut zu Fuß. Dumm nur, dass heute Labor Day ist, ein wichtiger Arbeiterfeiertag, an dem viele Läden geschlossen haben. Und auch dumm, dass wir das erst rausfinden, als wir vor dem verschlossenen Laden stehen. Also noch mal das Gleiche am nächsten Tag, und da klappt es. Mit Außenborder ist man einfach besser motorisiert. Was uns hier übrigens auffällt: Maryland ist ein relativ liberaler Staat, und es gibt auffällig viele Parolen vor den Häusern und in Fenstern, die das andere Amerika zeigen.

Wir lernen Annapolis bei einigen kleinen Stadtrundgängen kennen. Unten am Hafen sind rundherum Liegeplätze für Freizeitboote und direkt dahinter viele Kaffees. Am Labor Day herrschte hier ein wildes Treiben. Die wichtigste Straße ist die Mainstreet (klar), auf der sich ein kleiner Laden wie Boutiquen oder Antiquitäten neben dem anderen reiht. Oben auf dem Hügel kommt man zum altehrwürdigen Maryland Statehouse, das auch heute noch politisch für Versammlungen genutzt wird. Wir finden eine abgesperrte Straße, wo gerade ein Straßenfest mit Livemusik und vielen Tischen draußen anfängt. Das müssen wir mal ausnutzen und haben einen schönen Abend. Es spielt eine Band, und die Leute tanzen auf der Straße. Wir gönnen uns ein paar Tacos.

Da unser Ankerplatz vor der Stadt ziemlich wellig ist und morgen starker Wind aus Süd uns ungebremst heimsuchen wird, beschließen wir, den Platz zu wechseln. Wir fahren 3 sm nach Norden in einen kleinen Creek oberhalb der Stadt. Von dort ist es zwar etwas weiter zu laufen, aber wir haben ja Zeit, und es ist wirklich schön und ruhig dort. In einer Woche werden wir uns hier an eine Boje klemmen und freuen uns schon total auf unsere Kinder und meine Mutter, die nach New York kommen. Wir verbringen dann insgesamt zwei Wochen zusammen. Eigentlich hatten wir noch vor, von hier aus einen Tag nach Washington zu fahren. Aber leider ist dort im Moment die Nationalgarde von der Regierung losgeschickt worden, um für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Es gibt wohl kaum Ecken, wo einem nicht schwerbewaffnete Soldaten entgegenkommen. Darauf haben wir überhaupt keine Lust und werden uns den Besuch dort sparen.

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