Man denkt immer, das passiert doch nur den Anderen, und die Chance, so etwas zu erleben, ist statistisch minimal. Aber nein, das ist es nicht, und es passiert auch nicht immer nur den Anderen. Wir liegen gemütlich in unserem Creek vor Anker, als bei ziemlich schwülem Wetter sich das nächste Gewitter am Horizont bemerkbar macht. Standardmäßig werden die Kissen reingeholt und alle Luken geschlossen, und Computer und Handys verschwinden im Ofen (das soll die Geräte angeblich bei Blitzschlag schützen). Dann kommt der heftige Regen mit relativ wenig Wind im Gepäck, und die ersten Donner kommen näher. Eine Stunde später ist der Spuk auch schon wieder fast vorbei, und wir sitzen entspannt unter Deck. Dann gibt es, wie aus dem Nichts, einen ohrenbetäubenden Knall. Wir dachten erst, der Blitz wäre irgendwo neben uns in einem Baum oder vielleicht sogar in eines der anderen Boote eingeschlagen, die hier in der Nähe liegen. Dann fällt uns allerdings schnell auf, dass einige der Anzeigen am Navigationstisch aus sind. Ein Check der Knöpfe auf unserem Schaltpult zeigt, dass ungefähr jede zweite Funktion nicht mehr geht. Der Skipper testet die nächsten Stunden alles durch und sucht nach durchgebrannten Sicherungen. Uns ist immer noch nicht klar, ob der Blitz neben uns oder in uns eingeschlagen ist.

Was nicht mehr funktioniert, sind unter anderem die Navigation, der Kühlschrank, sämtliche Anzeigen im Cockpit und am Navigationstisch, die Mastlampen, das AIS, die Heizung, die Lichter im Schlafzimmer, und die Batterien werden nicht mehr geladen. Weder durch die Lichtmaschine noch durch Solar. Positiv ist, der Motor springt noch an und nach anfänglichen Problemen ging auch das Wasser wieder.

Am nächsten Morgen, als es hell ist, wird uns klar, der Blitz ging einwandfrei in unsere Funkantenne auf dem Mast hinein. Die ist nämlich nicht mehr da, und auf Deck finden wir verbrannte kleine Teile, die wahrscheinlich von der Halterung sind. Wir machen uns mit dem Beiboot auf nach Annapolis und gehen zu einer der Werften, die einen guten Ruf haben. Wir treffen den Manager John, der zwar über zu viele Aufträge klagt, aber sofort bereit ist, uns zu helfen. Er meldet sich am Nachmittag zurück und sagt uns, wir sollen Montagmorgen (es ist Freitag) in die Werft an den Steg kommen. Sie würden sich den Schaden anschauen und sagen, was zu tun ist. Inzwischen ist auch die Schadensmeldung an die Versicherung raus, die die üblichen Nachweise wie Fotos, Kostenaufstellungen und Rechnungen der alten Geräte haben möchten. Wir entspannen uns über das Wochenende mit einer netten Dinghyfahrt den Creek hinauf, bis es so flach wird, dass wir nicht mehr weiterkommen.

Die Fahrt am Montagmorgen ohne jegliche Navigation oder Tiefenangaben zur Werft ist etwas komisch, aber wir kennen die Strecke ja schon. Und da liegen wir dann zum ersten Mal seit der Domrep im April wieder an einem Steg (Titelbild). Leider ist der Elektriker krank und wir müssen uns noch einen Tag gedulden. Am Nachbarsteg liegt ein ziemlich mächtiger neuer Katamaran, dem das Gleiche widerfahren ist. Bei ihm ging der Blitz allerdings tatsächlich 100 m neben dem Boot ins Wasser und der Stromschlag ist übergesprungen. Auch bei ihm ist ein großer Teil der Elektronik hinüber. Wir haben alles schön vorbereitet und eine Liste gemacht, was geht und was nicht geht. Auf dem Panel wurde neben jedem relevanten Knopf ein Aufkleber gemacht mit rotem Kreuz oder einem OK-Haken. Der Elektriker Brandon ist knapp 2 h an Bord, schreibt sich alles auf und macht jede Menge Fotos. Hoffentlich bekommen wir morgen eine Aussage, was es kosten wird und wie lange es dauert. Das müssen wir dann auch an die Versicherung weitergeben, die uns hoffentlich schnell die Freigabe gibt. Zeitlich ist die Geschichte eigentlich gar nicht so ungünstig, da wir ab übermorgen ein Auto gemietet haben und für 2,5 Wochen von Bord gehen, um unsere Familie in New York zu treffen. Vorher wollen wir uns noch Philadelphia einen Tag anschauen. Problematisch wird an Bord, dass die Batterien langsam leer werden und bald den Geist aufgeben und wir keinen Kühlschrank haben. Wir können daher nur noch minimal verbrauchen und Aufladen der Batterien ist halt gerade kaputt. Wenigstens konnten wir uns mit einem Adapter normalen Strom per Dreierstecker vom Steg ins Haus holen.

Wir werden Berichten wie die Geschichte weitergeht.

4 Antworten zu “Potzblitz”

  1. Krasse Geschichte aber schön dass es euch gut geht und ihr es recht gelassen zu nehmen scheint!!
    LG aus der Heimat
    Christoph

  2. Hallo Ihr zwei Lieben, sooo ein Mist!!! Wir sind froh, dass es euch gut geht. Viel Erfolg bei den vielen, nun nötigen Arbeiten. Vorallem, dass eure Batterien es überstehen. Hattet ihr schon auf Lithium umgerüstet?

    Sind in Gedanken bei euch-liebe Grüße von den INTIanern

  3. Hallo Ihr beiden Intianer, nein wir hatten noch nicht auf Lithium umgestellt, überlegen aber gerade ob wir das in dem Zug direkt mitmachen. Ist noch nicht entschieden. Liebe Grüße zu Euch an die Ostsee.

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