
El Libertador in Santa Marta
Los geht es um 8 Uhr und der Anker kommt in einer neuen Rekordzeit hoch. Dauert diesmal keine 5 Minuten. Zum einen, weil wir nur auf ein paar Metern Tiefe ankern, und weil die neue Winde wunderbar arbeitet. Die Fahrt ist ausnahmsweise deutlich angenehmer als erwartet. Wir haben die ersten 12h fast nur segelbaren Wind. Er ist nicht besonders stark, aber solange die Segel nicht schlagen, fahren wir auch gerne unter 4kn. Hauptsache, der Motor dröhnt nicht so viel. Das einzig Unangenehme ist ein Gewitter am Nachmittag, was uns rechts und links überholt, aber zum Glück nicht über uns direkt hinüberzieht. Insgesamt schaffen wir die Strecke in guten 26h und haben einen Segelanteil von fast 70%. Ich hatte halb so viel befürchtet. Vor Santa Marta ist eine Bucht mit feinstem Sand, in der der Anker auf 4m wunderbar hält.


Wir sind erstaunlich fit nach den wenigen Stunden Schlaf und fahren rüber an den Strand, was hier die einzige Möglichkeit ist, das Dinghy abzustellen. Hier ist so viel los, dass wir uns wegen Diebstahl eigentlich keine Sorgen machen. Leider ist Kolumbien für Segler ein sauteures Land, was das Ein- und Auschecken für die Boote angeht. Wir brauchen jedes Mal einen Agenten dafür, anders akzeptieren die Behörden das nicht. Wir engagieren Jonathan, der für den Auscheckprozess aus dem Land insgesamt 270 USD nimmt. Wir treffen ihn vor der Marina und müssen ihm erst mal Geld geben, damit er die Behörden bezahlen kann, die Fahrtgenehmigungen ausstellen. Danach geht es in die berühmte Altstadt. Santa Marta wurde schon 1525 gegründet und ist damit die älteste Stadt Kolumbiens. Wobei das inzwischen schon so einige von sich behauptet haben. Sie wurde nach dem Namenstag der heiligen Martha benannt. Die Altstadt ist erwartungsgemäß sehr schön, aber mit Cartagena kann sie nicht ganz mithalten. Sie ist etwas weniger gepflegt und noch wuseliger als Cartagena. Trotzdem gibt es einige sehr hübsche Gassen und wir gönnen uns am Abend ein leckeres Essen in einem klimatisierten Restaurant.








Am nächsten Tag geht es weit zurück in die Vergangenheit. Eine der historisch wichtigsten Personen in Lateinamerika ist Simón Bolívar, genannt „El Libertador“. Es gibt kaum einen Ort, wo nicht irgendwelche Parks, Straßen oder sonst was nach ihm benannt sind. Er lebte vor über 200 Jahren und hat maßgeblich den Befreiungskrieg von u. a. Venezuela, Kolumbien, Ecuador und Peru gegen die spanischen Kolonialisten geführt. Zu der Zeit waren Teile der Länder zusammen zu Großkolumbien zusammengeschlossen. Er war der erste Präsident und übrigens auch Diktator. Zwischendurch scheiterte er immer wieder mal an politischen Differenzen im eigenen Lande und musste zeitweise ins Exil nach Jamaika. Sein Lebenswerk auf ein paar Zeilen zu reduzieren ist natürlich unmöglich. Seine Geschichte ist auf Wikipedia durchaus lesenswert. Und wie es zu der Zeit öfters passierte, starben viele Leute an Krankheiten, die heute als komplett heilbar gelten. Bei ihm war es Tuberkulose, und sein Sterbeort war hier in Santa Marta auf einem Anwesen. Dieses kann für ein paar Pesos Eintritt besichtigt werden, und das lassen wir uns natürlich nicht entgehen. Wir springen in einen Uber und erfreuen uns an der Ruhe, die diese Anlage ausstrahlt. Es gibt ein paar Gebäude, wo sich Museen drinnen befinden, und natürlich sein Privathaus und die Gemächer, in denen er lebte. Sein Leben ist auf einem riesigen Gemälde draußen als Zeitstrahl verewigt. Der heutige Tag beweist wieder, Reisen bildet.






Nach so viel Geschichte zieht es uns am nächsten Tag in die Berge. Dort gibt es den Ort Minca, von wo man zu kleinen Wasserfällen namens Pozo Azul gehen kann. Wir laufen durch die halbe Stadt, bis wir zur Station kommen, wo kleine Busse nach Minca fahren. Warum sich die Firma ausgerechnet mitten in den völlig chaotischen Straßen niedergelassen hat, wo alles voll Marktständen ist, erschließt sich uns nicht. Wir bekommen auch recht schnell einen Bus und die Fahrt hinauf in die Berge dauert eine gute Stunde, inkl. Reifenreparatur unterwegs. Minca ist insgesamt recht ursprünglich in den Berg hinein angelegt, und man sieht einige hübsche Häuser, Restaurants und Übernachtungsmöglichkeiten. Der Weg zu den Wasserfällen geht über eine Stunde den Berg hinauf, aber es lohnt sich. Am Wegesrand sind immer wieder beeindruckende Bambussträucher und andere Vegetation. Da Wochenende ist, sind auch relativ viele Leute hier, die im Wasser vor den Fällen plantschen. Das Wasser ist erstaunlich kühl (sind wir gar nicht mehr gewohnt). Was fehlt, sind gemütliche Liegeplätze oder Ähnliches, sitzen kann man nur auf den Steinen um den Pool herum.




Es ist Sonntag, und wir haben uns entschlossen, morgen früh die Weiterreise anzutreten. Wir treffen uns um 11.00 Uhr mit Jonathan, dem Agenten, und gehen zusammen in das Immigration Office in der Marina. Der Beamte ist wirklich nett. Nur als er unsere Pässe zum Ausstempeln in den Scanner legt, fängt er an zu stutzen. Es fängt eine wilde Diskussion zwischen den beiden an, und ich kann nur in Teilen folgen. „Hay una problema“, sagt er: Unser Aufenthalt in Kolumbien ist überschritten, und wir sind sozusagen illegal im Land. Mir gefriert kurzzeitig das Blut in den Adern. Das kann doch nicht sein, wir sind vor 4 Wochen eingereist, und man bekommt normalerweise 3 Monate. Er zeigt mir die Pässe, und da steht tatsächlich eine 15, sehr unleserlich reingekrakelt. Bei unserer ersten Einreise mit dem Boot hatten wir 90 Tage bekommen und das beim 2. Mal nicht hinterfragt. Ob die 15 Tage richtig oder falsch sind, ändert nichts. Wir haben keinen legalen Aufenthaltsstatus im Moment. Er ruft noch seinen Chef an, der ihm das bestätigt. Der Agent beruhigt uns. Das kriegen wir schon hin. Stimmt, kostet aber nicht ganz unerheblich Strafe. Im Endeffekt werden es 230 Euro pro Person, die wir on top quasi aus dem Fenster werfen. Dafür bekommen wir die Stempel mit speziellem Vermerk und sollen auch sofort aufs Boot und dürfen es in Kolumbien nicht mehr verlassen. Das ist uns im Leben noch nie passiert und wird es auch nicht mehr.
Die Tour, die wir morgen nach Aruba vorhaben, bereitet mir schon seit einiger Zeit Kopfzerbrechen. Es geht nach Osten auf die Insel Aruba, die etwa 300 sm entfernt ist. Das Stück gilt als eines der anspruchsvollsten in der Karibik, weil es permanent gegen den Wind geht. Dieser bläst in der Regel recht stark, zu 99 % aus Osten, was die Tour sehr anstrengend macht und permanentes Gegenankreuzen erfordert. Also 3–4 Tage am Stück wäre das nichts für uns. Ein paar Mal im Jahr passiert es, dass der Wind etwas dreht oder auch mal einschläft. Und so ein Fenster haben wir in den nächsten 3 Tagen. Es wird am Anfang wenig Wind sein, der sich mal segeln, mal nicht segeln lässt. Später geht es auch mal gegenan, aber nie sehr lange. Am kritischen Stück sollte er aus Südost kommen, was sich für uns ganz gut segeln lassen würde. Wollen wir mal hoffen, dass der Wind sich auch an die Vorhersage hält. Wir sind gespannt. Wenn es nicht klappt, gibt es auch ein paar Ankerplätze unterwegs, die wir ansteuern könnten.

